Wie das kleine Häschen vor der Giftschlange

Wenigstens einer, ein Deutscher, der seit Jahren in führender Position in der Schweiz wirtschaftlich Verantwortung trägt, wagt es, Brüssel gegenüber Klartext zu reden.

Kommentar vom 4. Januar 2019

von Ulrich Schlüer, Verlagsleiter «Schweizerzeit»

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Hans Hess, seines Zeichens Präsident des Verbands der Schweizer Maschinenindustrie, preist Brüssels als «Rahmenvertrag» getarntes Unterwerfungsdiktat an die Adresse Berns pflichtschuldigst und untertänigst als «massgeschneidert». Der als Verbandspräsident vom selbstbewussten Unternehmer zum devoten Bürokraten mutierte Funktionär, nunmehr offenbar jeglichen unternehmerischen Freiheitsdurstes entwöhnt, preist Anpassung an Brüssels herrisches, Europa ins Desaster führende Bürokratiediktat als Erfolgsmethode.

 

Axel Webers Klarstellung

UBS-Präsident Axel Weber, seit Jahren an führender Position in der Schweizer Wirtschaft tätiger Deutscher, hat solch unterwürfigem Anpassertum dezent aber nachdrücklich widersprochen (Tages-Anzeiger, 3. Januar 2019). Und deutlich gemacht, wie man einem sich in seiner Macht sonnenden trägen Riesen begegnet, der in Verhandlungen zwei Länder – England und die Schweiz –, die Wesentlichstes zur Wirtschaftsentwicklung in ganz Europa beigetragen haben und weiter beitragen, unfair und bürokratieversessen abzukanzeln versucht. Devote Untertänigkeit machtverliebten Despoten gegenüber bringe gar nichts, kann man aus Webers sorgfältig begründeten Erklärungen schlussfolgern.

 

Bürokratie oder Wirtschaftserfolg?

Brüssel müsse, führt Weber aus, nachdrücklich beigebracht werden, dass in erster Linie der Wirtschaftserfolg zu pflegen sei. Brüssel müsse alles diktatorische Gehabe ablegen. Im diktatorischen Gehabe sieht er den wahren Feind wirtschaftlicher Entwicklung, wirtschaftlichen Erfolgs. Verhandlungen müssten seitens Brüssels so geführt werden, dass Unternehmertum befreit, wirtschaftliche Entwicklung gefördert werde. Bürokratie bringe Stagnation und Misserfolg – für ganz Europa.

Dass Brüssel mit wichtigsten Ländern wie England und der Schweiz nicht zurechtkomme, dokumentiere eine gravierende Fehlleistung der EU-Diplomatie. Brüssel müsse entscheidend nachbessern – nicht England, nicht die Schweiz. Brüssel müsse endlich von seinem «Herr im Haus»-Standpunkt abrücken – positiver Wirtschaftsentwicklung, die dringend nötig sei, zuliebe.

Als Ausländer und als Banker formuliert Axel Weber seine Kritik an der EU zurückhaltender, als hier zusammengefasst. Damit aber nicht minder treffend.

 

Spitäler-Boykott?

Was vernahm man gleichzeitig aus Bundesbern? Dort scheinen die Knieschlotterer ihre zahlreichen Informationsstellen Kindsköpfen überlassen zu wollen.

Allen Ernstes wollte man uns übers Jahresende – die «Argumentation» wurde in Bern, nicht in Brüssel erfunden – weismachen, ohne Rahmenvertrag würden fortan Schweizer Spitäler nicht mehr mit all jenem Material versorgt, das für die richtige Behandlung von Kranken und Verwundeten benötigt werde.

Selbst wenn jemand in der EU mit solch unsinnigen Boykottzielen liebäugeln sollte: Ist denn medizinisches Material nur in der EU erhältlich? Wird in der Schweiz nichts produziert? Liefern amerikanische, japanische, chinesische, taiwanesische Firmen nicht ebenfalls exzellentes Material zur medizinischen und chirurgischen Versorgung von Kranken und Unfallopfern? Die Behauptungen der Kindsköpfe zu Bundesbern sind etwa so abstrus, als würde man in der Schweiz an Gegenmassnahmen herumstudieren, wonach verunfallte Skitouristen aus EU-Ländern künftig auf den Pisten liegengelassen würden, weil hier Material zu ihrer Pflege und Verarztung fehle. Sie müssten eben versuchen, von deutschen, französischen oder österreichischen Rettungsdiensten Hilfe zu erlangen…

Wie lange muss man sich eigentlich mit solch abstrusen, zur Einschüchterung der Bevölkerung ausgeheckten Idiotien wie der Spitäler-Boykottphantasie noch herumschlagen…?

 

Die richtige Sprache

Auch dazu liefert Axel Weber in seinem Tages-Anzeiger-Interview eine treffsichere Belehrung: Die Verlängerung der Anerkennung der Schweizer Börse durch Brüssel sei nicht als EU-Zückerchen erfolgt. Brüssel sah sich dazu gezwungen, weil die vom Finanzdepartement (geleitet von Bundesrat Ueli Maurer) in die Wege geleiteten Gegenmassnahmen den Brüsseler Boykottversuch zum Eigentor hätten mutieren lassen. Da wurde offenbar eine Sprache gefunden, die Brüssel versteht.

 

Euro-Jubiläumsfeier

Just jenes Brüssel, das derzeit zu bombastischen Feiern einlädt: Jean-Claude Juncker, EU-Kommissionspräsident, veranstaltete ein Jubiläumsfest «20 Jahre Euro». Der Einheitswährung preist er als Errungenschaft, die Europa nichts anderes als einen «epochalen Entwicklungssprung nach vorne» gesichert habe. Ob der Mann von der Euro-Krise, vom nicht enden wollenden Verschuldungsdesaster im EU-Raum bisher nichts vernommen hat? Hat er die Griechenland-Rettung verdrängt? Übersieht er die bittere Armut, welche der viel zu starke Euro den EU-Ländern im Süden beschert? Übersieht er, dass das Elend im EU-Süden mitverantwortlich ist für die Überflutung Deutschlands mit Migranten aus Nordafrika – weil diese hören, dass das vom für Deutschland viel zu schwachen Euro profitierende Land Jahr für Jahr «Exportweltmeister» wird? Sich jetzt aber die Sozialwerke ausnehmen lassen und in den Städten gegen (offiziell zwar bestrittene) Kriminalitätswellen ankämpfen muss, was Millionen und Milliarden verschlingt? Kein Wort vom Auszug der Unternehmer, von der Desindustrialisierung Frankreichs und Italiens als Folge des für diese Länder zu starken Euro!

Muss einer nicht volltrunken sein, bis er in solchen Zersetzungserscheinungen in ganz Europa eine Ursache für Erfolgsfeier glaubt erkennen zu können?

Ob man das zu Bern, ob man das in den Direktionen und Sekretariaten der hiesigen Spitzenverbände endlich, endlich wahrzunehmen in der Lage ist?

 

Ulrich Schlüer

04.01.2019 | 3550 Aufrufe