Mein Nachbar Robin Haug ist Winzer. Auf die Frage nach dem Klimawandel sagte er kürzlich in der Limmattaler Zeitung: «Der Klimawandel verändert den Wein. Die paar Grade mehr merkt man. Die Weine werden immer gehaltvoller. Die Hauptsorte Pinot noir hat mehr Tiefgang und ist oftmals würziger».

Kommentar vom 10. Mai 2019

Von Prof. Hans Geiger, em. Professor für Bankwesen, Weiningen ZH

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Damit hat mein Nachbar eine von drei kritischen Fragen zum Klimawandel beantwortet: Welches sind die Folgen des Klimawandels? Für den Winzer sind sie positiv, und auch für seine Kunden. Das ist neu. Beim Lesen der Berichte und Studien zum Klimawandel ist fast nur von dessen negativen Folgen die Rede. Beliebt ist auch die Bezeichnung Klimakatastrophe. Auf die Folgen werde ich später noch zurückkommen. Vorerst aber ein paar Gedanken zu zwei anderen Fragen.

 

Wissenschaft oder Religion

Die erste Frage ist: Wird es tatsächlich wärmer? Und die Antwort ist Ja. Kaum jemand bestreitet die Tatsache der Erderwärmung in den letzten Jahren.

Die zweite Frage lautet: Ist der Klimawandel mehrheitlich menschengemacht? Die offizielle Meinung ist Ja. Wer das anders sieht, ist ein Klimaleugner. Davor schützt auch ein Nobelpreis in Physik nicht. Ivar Giaever, norwegisch-amerikanischer Physiker und Nobelpreisträger (1973), glaubt nicht an den menschengemachten Klimawandel. Immerhin geht es Giaever besser als Galileo Galilei, der 1633 vom Inquisitionsgericht wegen seiner Meinung zum kopernikanischen Weltbild zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt wurde. Der Widerruf seiner Thesen bewahrte ihn immerhin vor dem Scheiterhaufen. 359 Jahre später hob die Katholische Kirche das Urteil auf.

Ob heute die Klimaleugner auf den Scheiterhaufen gehören, scheint umstritten. Dass es bei der zweiten Frage aber eher um eine Glaubenssache als um einen wissenschaftlichen Diskurs geht, ist offensichtlich. Der Anspruch des IPCC-Klimarates im wissenschaftlichen Bericht von 2007 liest sich wie ein theologischer Lehrsatz: «Einfach ausgedrückt, wird diese jüngste Bewertung des IPCC wieder die wissenschaftliche Referenz für alle sein, die sich mit dem Klimawandel und seinen Folgen befassen». Und dann lernen wir noch, dass die überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler – die Rede ist von 97 Prozent – an den menschengemachten Klimawandel glauben. Falls die IPCC-These zuträfe, wäre das beste Rezept gegen den Klimawandel «weniger Menschen, oder nur ganz arme». Das wäre aber politisch unkorrekt, und Klimatologen sind politisch korrekt.   

 

Modelle beweisen nichts

Pikant ist auch die Begründung der IPCC-Gemeinschaft für den menschengemachten Klimawandel im Bericht von 2007: Die vorgestellten Ergebnisse basierten unter anderem auf erweiterten Datensätzen, neuen Analysen und anspruchsvolleren Möglichkeiten der Klimamodellierung. Mit Modellen kann man aber gar nichts beweisen und voraussagen. Modelle sind – im Gegensatz zum Klima – zu hundert Prozent menschengemacht. Sie liefern genau die Resultate, welche die Wissenschaftler durch die Modellierung und die eingegebenen Daten vorgegeben haben. Einen Beleg für diese Tatsache lieferte in der grossen Finanzkrise von 2007/2008 die Bankbranche, die während Jahren die besten Physiker und Mathematiker anstellte, um wissenschaftliche Modelle ihres Geschäftes zu entwickeln. Die FINMA, die schweizerische Finanzaufsichtsbehörde, stellte 2009 ernüchtert fest: «Generell ist festzuhalten, dass die Finanzbranche und auch die Aufsichtsbehörden sich in viel zu hohem Masse auf finanzmathematische Modelle verlassen haben». Die Modelle haben nicht nur nichts genützt, sie haben zur Entstehung der Krise beigetragen. 

Eine bessere Grundlage für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung als mathematische Modelle liefert der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Karl Popper: Für ihn sind wissenschaftliche Theorien lediglich unsichere Spekulationen, welche die empirische Wissenschaft durch Suche nach widersprechenden Beobachtungen umzustossen versucht. Es geht in der empirischen Wissenschaft nicht um das Beweisen, sondern um Falsifikationsversuche. Statt die Kritiker zu verdammen, sollten die Klimawissenschaftler die Auseinandersetzung mit den Häretikern suchen.

 

Nutzen und Schaden

Die eingangs aufgeworfene Frage lautete: Nützt oder schadet die Klima-Erwärmung? Die Antwort lautet vermutlich: «Es kommt halt drauf an». Dem Weininger Winzer nützt sie. Den Eisbären im hohen Norden schadet sie. Den Robbenbabys im hohen Norden nützt sie, denn es gibt weniger Eisbären, von denen sie gefressen werden.

Für die Schweiz sieht das etwa so aus: Die Durchschnittstemperatur betrug in Zürich in der Klimaperiode 1981 – 2010 9,4 Grad Celsius. Würde diese brutal stark um 3 Grad steigen, hätte Zürich genau das Klima, das in den letzten dreissig Jahren in Lugano herrschte. Das wäre keine Katastrophe, es gäbe etwas mehr Touristen und etwas weniger Banker. Und die 22‘000 Einwohner der westsibirischen Stadt Dudinka könnten mit einer Durchschnittstemperatur von minus 7 statt minus 10 Grad auch ganz gut leben. Selbst die gut neun Millionen Einwohner von Kairo würden bei durchschnittlich 25 Grad statt 22 nicht aussterben.

 

Umwelt und Klima

Klima-Experten lieben es, das Wort «Umwelt» als Synonym für «Klima» zu verwenden. Das ist falsch. «Klima» ist nur ein Unterbegriff zu «Umwelt». Der Klimawandel ist bei weitem nicht unser gravierendstes Umweltproblem. Zur Umwelt gehören auch Wasser, Meere, Luft, verseuchte und gesunde Böden, Bodenschätze, Tiere und Pflanzen, dann auch Infrastrukturen, Verkehr, Wasser, Energie, Abfälle, Erholungsräume. Der Mensch definiert Umwelt als das, was ihn umgibt, worin er lebt und was er zum Leben braucht.

Im Gegensatz zum Klima, das vom Menschen kurz- bis mittelfristig kaum beeinflusst werden kann, können wir unsere Umwelt sofort, nachhaltig und wirkungsvoll verändern. Das ist sowohl wichtig wie auch dringend. Wir können die PET-Flasche und die Bierbüchse ordnungsgemäss entsorgen, statt sie zum Autofenster hinaus zu werfen. Der Bauer und seine weidenden Kühe werden danke sagen. 

Ein ganz grosses Umweltthema ist das Wasser. Über zwei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Über 800 Millionen Menschen haben noch nicht einmal eine Grundversorgung mit Wasser, vor allem in ärmeren, ländlichen Gebieten. In weiten Teilen Indiens, vor allem im Nordwesten, geht das Grundwasser schnell zur Neige. In grossen Städten, vor allem Peking und Delhi dagegen ist die Feinstaubbelastung ein schlimmes Übel. Sie tötet gemäss neuesten Schätzungen vier Millionen Menschen pro Jahr. Zwischen 1980 und 2000 verschwanden tropische Regenwälder in der doppelten Grösse von Spanien, vor allem in Lateinamerika. Die Aufzählung liesse sich beliebig erweitern.

 

Der Mensch im Mittelpunkt

Lösbar scheinen alle diese Umweltprobleme zu sein. Den Problemen ist allerdings eines gemeinsam: Je mehr Menschen es auf der Erde und in den einzelnen Ländern gibt, und je besser es diesen Menschen wirtschaftlich geht, desto höher ist die Belastung der Umwelt.

Gemäss dem ersten Buch Mose, Kapitel 1, Vers 28 sprach Gott zu den neu geschaffenen Menschen: «Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht».

Wahrscheinlich haben wir Menschen diesen Auftrag etwas zu wörtlich genommen.

 

Hans Geiger

11.05.2019 | 1087 Aufrufe